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created: 25-09-2012

update: 26-09-2012

 

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A warning!

For visitors in America, it could well be that reading through the text, that the article by R. Kramer in Dessau in 1899, sounds rather diminishing toward the results of American Reed Organ Building.

However, don't send your complaints to Herr Kramer. He seems to be dead for quite some time.

 

 

 

Lindholm # 1,000 (1899)

 

Zeitschrift für Instrumentenbau, 1899, Band 20 Nr. 5 Seite 135-137

Eine bedeutender Fortschritt im Harmoniumbau

Von R. Kramer, Dessau.

                Im Harmoniumbau ist in den letzten Jahren eine große Anzahl hervorragender, ja großartiger Erfindungen gemacht worden, und viele derselben sind von so enormer Bedeutung gewesen, daß frühere sogenannte französischen Harmonium in dem modernen buchstäblich gar nicht wieder zu erkennen ist. Wohl die bedeutsamste Umänderung, ja sogar Neugestaltung erfuhr das von Amerika aus, und das sogenannte amerikanischen System, das Saugwindsystem, scheint wegen seiner handgreiflichen  Vorteile  ganz besonders dazu berufen, das Harmonium überhaupt in eine höhere Sphäre zu rücken.

                War nun dieses Saugwindsystem schon etwas überaus Bedeutsames, so war damit doch noch nicht das Geschick des Harmoniums erfüllt, nein - es fanden sich noch Männer, die dies auch noch verbesserten und durch deren Bemühung  nunmehr das Harmonium auf eine Stufe erhoben wurde, von deren Höhe es stolz und siegesfreudig herabschauen  darf. Und nun wollen wir eine solche Erfindung näher betrachten, welche hervorragend in ihrer Art dasteht und welche bis auf Weiteres wohl mit den Gipfel der Verbesserungen darstellt.

                An den Harmoniums vollkommenster Konstruktion konnte der wirkliche Kenner häufig noch immer zwei hauptsächliche Unvollkommenheit feststellen, de dem Laien (und in Laienhänden) ist nun einmal das Harmonium) zumeist wohl verborgen geblieben. Es war dies erstens eine mehr oder minder hervortretende Härte in der Klangfarbe, oder auch gerade das Gegenteil davon, eine zu matte und kraftlose Tonfärbung, welche namentlich in den tieferen Oktaven der damit behafteten Instrumente anzutreffen war. Die Bässe klangen knarrend, dabei dünn und hatten etwas von dem Klange gedämpfter Trompeten, doch waren sie zu matt, als dass Vergleich vollkommen zuträfe. Und das hat der Verfasser sogar bei Harmoniums nach amerikanischen Systeme aus neuesten Zeit gefunden.

                Der zweite Übelstand betrifft gewisse Fehler in den Dispositionen wohl der Mehrzahl der amerikanischen Instrumente. Man baut diese nämlich so, dass man sogenannte halbe Stimmen, oder gar Stimmen von noch weniger Umfang, als die Hälfte der Klaviatur disponiert. Der Laie nimmt das nun eben als unabänderlich hin und denkt im Stillen, dass die Herren Harmoniumbauer schon ihre Grunde haben müssen, wenn sie es gerade so und nicht anders machen. Doch            ist es rundweg ein entschiedener Fehler, für den es absolut keine Verzeihung gibt. Ich kann hier nur auf die ein einschlägige Literatur über den Orgelbau, namentlich auf Töpfer [1] , verweisen und beschränke mich darauf, ein Wort anzuführen, welches ich selbst einmal an einer andere Stelle gebraucht habe:  „Eine halbe Stimme ist ein halbes Ding.“ Warum wollen wir nur alles halb tun? Es liegt doch auf der Hand, dass es recht mit Unmut empfunden werden muss, wenn eine ganze Hälfte, oder zwei Drittel , ja vier Fünftel der klavier Stumm bleiben beim Anziehen gewisser Register. Ich will hier ganz und gar absehen von dem Umstande , dass der Spieler eines solchen Harmoniums sich erst in ein richtiges Studium seines Instrumentes versenken muss, nur um diese ganz äußerlichen  Dinge erst kennen zu lernen, die noch dazu bei jedem Fabrikate und leider auch bei verschiedenen Instrumenten eines und desselben Fabrikanten anders sind.

                Diesen Übelständen zu steuern, blieb in besonderem Maße einigen Fabrikanten in Deutschland vorbehalten. Ganz besonders die Klangfarbe und überhaupt die Klangwirkung des Harmonium amerikanischen Systems und auch der Unfug (das ist das einzig richtige Wort dafür) mit den halben Stimmen wurden von deutscher Seite ins Auge gefaßt, und das zarte Samenkorn des Erkenntisses dessen, was gut und böse ist, hat sich in Deutschland jetzt zu einem Baume entwickelt, der die schönsten Blüten und Früchte trägt.

                Angesichts des oben Gesagten lassen sich de hervorragenden Verdienste eines rührigen und strebsamen Harmoniumbaukünstler, des Herrn Olaf Lindholm in Borna bei Leipzig, nicht verschweigen, und diese sollen uns nun im Folgenden beschäftigen, soweit sie Bezug haben auf das Thema und auf die im Vorhergehenden hervorgehobenen noch immer feststellbaren Mängel des amerikanischen Harmoniums deutscher Herkunft.

                Die hervorragenden Eigenschaften der Instrumente dieser Firma sind in Kenner-, und Fachkreisen allgemein bekannt, und wenn sie die allgemeine Beachtung des Publikums bisher noch nicht in dem Maße auf sich lenken konnten, wie es die Fabrikate verdienen, so hat das lediglich darin seinen Grund, dass de Firma erst im Jahre 1894 gegründet worden ist und in der kleinen Provinzstadt abseits vom großen Verkehre ihr Domizil hat. Trotzdem hat das junge Etablissement bis jetzt beinahe 1 ½ Tausend Instrumenten nach aller Herren Ländern expediert.  

                Was nun die schätzenwerten Eigenheiten dieser Harmonium anlangt, so will ich mir ersparen, auf die für dieselben patenamtlich geschützten eigentlichen Konstruktionsverbesserungen,

  1. eine wertvolle Vereinfachung der Registermechanik,
  2. einen Expressionszug am amerikanischen System,
  3. eine Vervollkommnung der Registerzüge,
  4. die Kombinationskoppel,

näher einzugehen, da ich dadurch  den Rahmen meiner Arbeit beträchtlich überschreiten würde und da diese Verbesserungen , so wertvoll sie auch sind, doch im Wesen des Harmoniums keine eigentliche besondere Veränderung verursacht haben. Ich wohl absehen von den unzähligen kleinen, vielleicht gar nicht einmal patentfähigen Erfindungen und Verbesserungen, ja kleinen Kunstgriffen, die hier in Anwendung sind - nein - ich will nur sprechen von der Veredelung des Harmoniumtones und von der Erfindung einer neuen Harmoniumstimme, welche beide schon hinreichten, ihren Schöpfer zu loben.

                Von nicht allzu langer Zeit hatte ich Gelegenheit, mehrere dieser Instrumente kennen zu lernen. Macht schon ihre äußere Erscheinung einen durchaus wohltuenden Eindruck auf mich, so war ich nicht nur überrascht und verwundert,  - nein - entzückt von dem bestrickenden Reize des Tones. Selbst die Klangwirkung kleiner Instrumente von einem resp. zwei Spielen war eine durchaus noble, und es war mir schwer, mich von diesen kleinen herrlichen Werken zu trennen.  Sie dürften für Schule und Haus ihren Platz vollkommen ausfüllen und dürften gelegentlich sogar im Kontzertsaale mit Ehren bestehen.

                War nun schon der erste Eindruck ein so überaus günstiger, so wurden die durch meine ohnehin schon etwas stark geweckte Phantasie erregten Erwartungen für die größeren Instrumente noch übertroffen. Der Wohllaut der hauptsächlichsten Charakterstimmen ist ein prächtiger und dürfte wohl kaum übertroffen werden. Und hierin ist ein ganz gewaltiger Fortschritt zu erblicken. Namentlich sind es auch die tiefen und tiefsten Bässe, denen nichts mehr von dem, selbst dem modernen amerikanischen Harmonium häufig noch eigenen knarrenden Charakter anhaftet. Dass dabei de Präzision der Tonansprache nicht das Geringste zu wünschen übrig lässt, sei hier nur beiläufig [2] bemerkt. Die Tonveredelung also ist hier in einer Weise gelungen, de die höchste Achtung verdient. Doch das ist noch nicht Alles.

                Auf verschiedenen dieser Instrumente begegnet man einem Register mit Namen: „Aeolsharfe“. Und das bezeichnet einen bedeutenden Fortschritt in der Harmoniumbaukunst.
Diese reizvolle Stimme besteht aus zwei Zungenreihen, deren eine vollkommen konsonierend [3] mit dem übrigen Werke eingestimmt ist, wohingegen die andere ein ganz klein wenig tiefer gestimmt. Durch dies Verfahren entstehen zarte Schwebungen, die an leise, kleine Wasserwellen erinnern, welche sich in der stiller Mondnacht auf dem Spiegel des dunklen Seesausbreiten und deren Regelmäßigkeit das Auge mit Entzücken folgt. Leise, leise, wie ein Hauch, ziehen diesen heimlichen Klänge in unser Ohr und hüllen die Seele in einen süßen Traum der Vergessenheit; es schweigen in uns allen Leidenschaften und wir empfinden einen inneren Frieden, eine unaussprechliche Wonne. Und doch kann sich der heimliche Laut der Flüsterstimme aus zu einer gewissen Macht (durch den Knieschweller) erheben, ja er kann dann klagend und bis ins Innerste erschüttern, ja selbst grollend uns die Macht des Zornes ahnen lassen.

                Es ist wahr, will man sich von der Zauberwirkung gerade dieser Stimme einen Begriff machen, so ist das beste Mittel, sie selbst zu kennen zu lernen, sie zu spielen und den ganzen Reiz ihres Klanges auf sich wirken zu lassen und ihn in sich aufzunehmen.

                Man würde hier vielleicht entgegnen, dass man dieselbe Stimme ja schon seit Jahren in den echten amerikanische n Instrumenten vorfindet, doch das beruht auf Missverständnis.   Es gibt zwar eine „Aeolsharfe“ auf den amerikanischen Instrumenten, doch ist sie mit der hier beschreibenen weder identisch noch überhaupt mit Erfolg zu vergleichen, denn

  1. ist diese amerikanische Aeolsharfe eine Zweifuß und keine Achtfuß Stimme,
  2. geht sie nicht durch die vollen 5 Oktaven der Klavier, sondern nur durch bis zweieinhalb Oktaven derselben,
  3. liegt dieze zwei-oktavige Zweifuß-Stimme in der Basshälfte der Klaviatur,
  4. ihr Klang bei weitem nicht so reizvoll und poetisch, als der der Lindholm‘schen Aeolsharfe.

Man gibt gewöhnlich an, die amerikanische Aeolsharfe eigne sich vornehmlich zur Nachahmung des Klanges gedämpfter Violinen, welche eine zarte Begleitung zu irgend einer Solostimme ausführen. Das lasse auch ohne weiteres gelten, doch eignet sich die Lindholm’schen Äolsharfe zur Nachahmung eines ganzes Streichquartettes, ist infolgedessen keine Begleitungs-Stimme mehr, sondern eine Solostimme, wie sie nicht vollkommener gedacht werden kann und den Prinzipalen, Gamben, Salicionalen, Flöten, Gedackten und wie sie heißen mögen, vollständig ebenbürtig. Dass die Erfindung dieser Äolsharfe etwas durchaus Neues darstellt, erhellt schon daraus, dass es jahrelangr, mühevoller und zeitraubender, manches lieber Mal auch vergeblicher Versuche bedurfte, um sie zu konstruieren, sodass man also nicht die geringste Berechtigung hat, anzunehmen, sie stelle eine einfache Nachbildung und Erweiterung der von Amerika aus bekannt geworden Äolsharfe dar. Ungeahnt und unvorhergesehen kam diese Erfindung, denn es hatte wohl kaum jemand ernstlich daran gedacht, dass wir je eine andere Äolsharfe, als die zweioktavige und zweifüßige haben würde.

     Wir benutzen die Gelegenheit, hier dem Leser im Bilde das 1000. Harmonium der Lindholm’sche Fabrik vorzuführen, das Anfang des Sommers fertiggestellt wurde und zeigt, wie geschmack - und stilvoll auch die äußere Ausstattung der Instrumente gehalten ist. Die Disposition dieses 1000. Instrument ist folgende:


Untermanual

Mechanische Register

Obermanual

Bass
Diapason 8‘
Engl. Horn 8‘
Bourdon 16‘
Viola 4‘
Forte
Manual-Coppel
Bass Coppel

Diskant
Melodia 8‘
Flute d’amour 8‘
Clarinette 16‘
Flöte 4’
Vox Coelestis 8’
Forte
Diskant Coppel

 

Manual Coppel
Vox Humana
Expression

Bass
Violine 8‘
Gamba 8‘
Aeoline 8‘
Violetta 4‘
Forte

Diskant
Viola d’amour 8‘
Salicional 8‘
Aeolian Harp8‘
Waldflöte 4‘
Forte

 

Es ist ein eigener Zauber, mit welchem uns das Harmonium bestrickt, und doch wird das von vielen, ja leider von recht vielen Künstler und Laien noch nicht verstanden . Aber es gibt andererseits ihrer auch wieder eine große Zahl , welche sich diesem reizvollen Zauber oder zauberhaftem Reize nicht verschließen, und deshalb halte ich es für eine Pflicht der Dankbarkeit, dass wir denjenigen Männern, die bestrebt waren, uns ein schlichtes Musikinstrument zu schaffen, mit dessen Hilfe es möglich ist, eben jenen Zauber auszuüben, die höchste Achtung bezeigen. Und wenn wir wenigen Auserlesenen unter den vielen Berufenen auch weitere Kreise für das so sehr, so sehr seelenvolle Harmonium zu interessieren versuchen, so dürfte uns wohl niemals ein ernstlich gemeinter Vorwurf treffen!  

 

 

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottlob_T%C3%B6pfer

[2] original: “beilänsig”
[3] konsonant