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update: 22-11-2011

 

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Doorslaande tongen 1

Doorslaande tongen 2

Prof. dr. Christian Ahrens

"Zur frühgeschichte der Instrumente mit Durchschlagzungen in Europa"
(see: doorslaande tongen 3):

Doorslaande tongen 3

 

Kratzenstein

 

Prof. dr. Curt Sachs

Zur Frühgeschichte der durschschlagende Zunge

 

 

 

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Zur Frühgeschichte der durschschlagende Zunge

dr. Curt Sachs, Berlin
Zeitschrift für Instrumentenbau

Bd. 33, nr. 33 21 Augustus 1913

Die Frühgeschichte der durchschlagende oder freischwingenden Zunge, die künstlerisch in Orgel und Harmonium, und wirtschaftlich in Zieh- und Mundharmonika ihre größte Bedeutung erlangt hat, liegt trotz mancher Spezialstudien noch recht im Dunkeln. Während des Menschenalters um die Wende des 19. Jahrhunderts tauchen an zahlreichen Stellen, in Stockholm, in Kopenhagen, in St. Petersburg, in Paris und in Deutschland anregungen und Versuche mit Zungen auf, die weder paarweise gegeneinander noch einzeln gegen einen Rahmen schlagen, sondern frei durch eine genau angepaßte Öffnung hindurchschwingen; Physiker, Organisten, Orgelbauer, Mechaniker und Dilettanten reden, schreiben, bauen und basteln, und die ganze instrumentlich interessierte Welt scheint and der ersten Entwicklung des wichtigen Tonerzeugers tätig oder als Zuschauer teilzunehmen. Allein in dem Zeitraum 1780-1820 hören wir von Kratzenstein, Kirsnick, Radknitz, Abt Vogler, Maelzl, Haeckl, Eschenbach, Schlimbach, Voit, Kaufmann und Sohn, Grenié, und nach 1820 wird es kaum mehr möglich, die Verfertiger von Freizungenspielen mit einiger Vollständigkeit aufzuzählen.

Agngesichts dieser Aktualität des Problems scheint ein organischer Zusammenhang zwischen den einzelnen Versuchen nicht abweisbar zu sein, und die Forschung hat wiederholt die Aufzeigung von Verbindungen unternommen. Die Erfinder  selbs haben freilich kaum je ihre Abhängigkeit zugegeben, Grenié z.B., dem man das Maelzl’sche Panharmonikon als Modell hat vindizieren wollen, behauptet von einer Stelle in Dom Bedos de Celles’ monumentalem Orgelbuch „L’Art du Facteur  d’Orgues“, 1766-78, angeregt worden zu sein, und Eschenbach wil sich die Maultrommel zum Vorbild genommen haben. Wenn das wahr ist, dann sind beide durch Unwissenheit zu Erfinder geworden. Grenié hat seinen Gewährsmann falsch verstanden. Dom Bedos spricht von der alten Volksschalmei und sagt, ihr Blatt müsse sich frei bewegen können und ganz in den Mund genommen werden, um anzusprechen („Le chalumeau a une languette qui doit mouvoir librement et qu’on met tout entière dans la bouche pour faire parler cet instrument.“).

Es handelt sich aber beim alten Chalumeau, wie man leicht aus Mersenne’s „Harmonium Universelle“ von 1636 und aus andern Quellen entnehmen kann, und wie auch aus der Tatsache hervorgeht, daß aus ihm unsere Klarinette entstanden ist, um eine aufschlagende Zunge, die aus dem Körper des Instruments selbst herausgeschnitten its und and der Basis festsitzt; ein solches Blatt beweglich, d.h. schwingungsfähig zu machen, ist nicht ganz leicht. Um was es sich handelt, läßt sich bequem an den einst in Ägypten und noch heute in den arabischen Ländern gebräuchlichen Schalmeien (Arghûl, Zummâra, Mashûra) sehen; auch bei diesen Stammüttern des Chalumeau muß das Kopfstück mit dem Blatt ganz in den Mund genommen werden, um ungehindert („librement“) schwingen zu können, im Gegensatz zum Klarinettenblatt, dat mit der Lippe gefaßt wird. Grenié, dem die Kenntniss alter und exotischer Musikinstrumente fehlte, hat statt einer frei, ungehindert schwingenden, abar aufschlagenden eine „freischwingende“ durchschlagende Zunge aus jener Stelle herausgelesen.

Ein anderes Mißverständnis liegt bei Eschenbach vor. Wohl hat die Maultrommel eine freie Zunge, aber in ganz anderm Sinn als die Aeoline und ihre Verwandten. Die Maultrommel gehört zu denjenigen Musikinstrumenten die wir als Idiophone bezeichnen, d.h. solchen, bei denen das feste Material des Körpers selbst imstande ist periodisch zu schwingen. Die Töne, die sie von sich gibt, entstehen durch die Vibrationen der mit Finger angestoßenen Stahlzunge; der verschiedenweit geöffnete Mund dient nur als Resonator zur Verstärkung der einzelnen Partialtöne des Zungenklangs, liefert aber keinen Wind.
Die Aeolinen, Physharmonikas usw. sind dagegen Windinstrumente. Bei ihnen soll die schwingende Zunge nicht selbständig tönen, sndern den durch das Gebläse gelieferten Wind periodisch abschließen und durchlassen, wie es in anderer Weise die Sirene tut.

Man fühlt sich geneigt, die Spontaneität dieser Entdeckungen mit etwas ungläubigen Lächeln aufzunehmen. In einer Zeit , wo allerorten soviel Versuche mit durchschlagenden Zungen angestellt werden, sollte man in Paris nichts davon wissen?Angesichts so zahlreicher Zungenorgeln und Orchestions , wie sie damals schon existierten, sollte in der Capitale du monde eine mißverstandene Stelle im Dom Bedos zur „Entdeckung“ der freischwingenden Zunge führen können?

Daß das dennoch möglich ist, geht aus einem Fall hervor, über den wir hier berichten wollen. Im Jahre 1822 suchte der Instrumentenmacher Wilhelm Vollmer in Berlin für sich und seinen Sohn ein Patent auf ein von ihnen verfertigtes Musikinstrument namens Melodika nach. Die Königliche Technische Deputation für Gewerbe begab sich im Auftrag des Ministers in die Werkstatt des Antragstellers, um die Erfindung kennen zu lernen un über ihre Patenfähigkeit zu entscheiden. Der Bericht, der sich unter den im Kaiserlichen Patentamt aufbewahrten altpreußischen Akten úber Patentierunggesuche (Fach B .nr. 26) befindet, ist in mer als einer Hinsicht interessant. Die Melodika selbst war, wie aus ihm hervorgeht, nichts anderes als eine Aeoline, d.h. ein Tasteninstrument mit aufsatzlosen durchschlagenden Zungen als Tonerregern. „Aber auch andre“, schreibt der Referent F.E.V. Severin, „haben sich bereits vor längerer Zeit mit dieser Art Tonleitern zu bilden beschäftigt. Im Anfange des laufenden Jahrhunderts wurden in PetersburgFlötenuhren gebaout, wo ebenfalls die Töne durch die durch bewegte Luftin Vibration gesetzten Zungen von Metall hervorgebracht wurden. Der hiesige Berliner Hofuhrmacher Möllinger (*) ließ sich ein solches Instruments für 600 Rubel kommen und führte nach diesem Modell  verschiedene Flötenuhre aus, ohne nach seinen Geständnis die außerordentlich genaue und schöne Ausführung des Modells bisher erreichen zu können. Der mitunterzeichnete Oberbergrat Schaffrinsky, mit welchem er damals über diese Instrumente und über seine Bemühungen ein Gesets für die Mensur zu finden sprach, dachte darüber nach und fand nicht allein ein Gesetz, sonder führte auch Töne als Nachahmung mehrere Blasinstrumente aus. Die Töne bestehen aus einer an einem Ende verschlossenen Messingröhre, auf einer Seite mit einer ebenen Fläche versehen,in welche eine länglich-viereckige Öffnung von bestimmter Größe auf das sorgfältigste eingearbeitet ist. Vor dieser Öffnung liegt die ebenso genau ausgeführte metallene Zunge, die mit einem Ende an der Röhre befestigt ist, so daß sie bei ihrer Vibration in die längliche Öffnung hineintreibt, ohne ihren Rand zu berühren. Die Röhre ist mit dem verschlossenen Ende nach unten in eine etwas weitere hölzerne Büchse oben eingesetzt. Diese Büchse hat unten einen kleine durchbohrten  Ansatz , mit welchem sie in die Windlade eingesetzt ist, so daß durch Öffnung des in der Windlade befindlichen Ventils der Wind in die Büchse tritt und sich zwischen der Zunge in die Röhre drängt, wobei der enge Zwischenraum die Vibration der Zunge bewirkt. Über die Röhre und Büchse ist ein zinnerner Körper aufgesetzt, der sich nach oben etwas erweitert und dann wieder bis zur oberen Öffnung, durch welche der Ton herauskomt, verengt. Mittels einis in die Büchse hineingehenden und an die Zungen drückenden Drahtes ist man instande , dem Tone  die vollkommenste Stimmung zu geben. Das Eigentümliche hierbei ist, daß man ohne diesen zinnernen Aufsatz beim Einblasen der Luft in die Büchse duchaus keinen Ton erhält. Ven den hiernach un nach dem russischen Modell vom p. Möllinger aufgeführten Flötenuhre is ih vor kurzem eine aus Kopenhagen zugeschickt worden, um sie wieder instandzusetzen. Drei von diesen Flötenuhre hat der p. Möllinger in Verbindung mit Tastatur ausgeführt, so daß das Uhrwerk mit zwei Händen gespielt werden konnte, wobei der Wind durch Treten oder auch durch eine zweite Person gegeben werden konnte. Nach seiner Angabe is eins derselben nach Schweden, das zweite nach Kolberg, das dritte nach Schlesien abgegangen. Seit längerer Zeit hat er aber keine solche Instrumente mehr gebaut. Nach seiner Angabe soll der Orgelbauer Buchholz an der Orgel in der hiesigen Dreifaltigkeitskirche ausgeführt haben (sic!), die aber wegen ihrer Unvolkommenheit wenig Beifall gefunden haben soll. Er halt übrigens seine Einrichtung geheim.“

Die Möllinger-Schaffrinsky’sche Flötenuhr nach russischem Modell zeigt deutlich ihre Herkunft vom chinesischen Sheng, da ja, wie aus dem 2. Teil der „Beylagen zum neuveränderten Rußland“ Jacob van Stählin’s hervorgeht, in der Mitte des 18. Jahrhunderts in St. Petersburg bekannt war. Das Prinzip dieser ostoasiatischen Mundorgel ist wörtlich übernommen: eine Windlade, in deren Decke de Pfeiten derart stecken , daß ihr gedacktes Unterende und ein diesen benachbarter afgeflachter Teil met länglich –viereckiger Öffnung und durchschlagender Zungeim innern sitzen. Nur die zur Erzeugung eines Tones notwendige, in ein bestimmtes Verhältnis zum Volumen der Zunge tretende Pfeifenverlängerung , die beim chinesischen Instrument durch die Deckung eines Grifflochs erreicht wird , ist bei die Flötenuhr durch einen Zinnaufsatz hergestellt.

Eins aber muß vor allem auffallen: all die zahlreichen Tonwerkzeuge vom Typus der durchschlagenden Zunge, die seit 1780 in Mittel-, Nord-, West- und Ost-Europa gebaut worden sind, Panharmonikon, Trompetenautomat, Orgue Expressif, Aeoline Physharmonika usw. waren im Jahre 1822 in Berlin, der Hauptstadt Preußens und dem blühendsten Instrumenten-fabrikationsort der Monarchie, so gänzlich unbekannt, daß Instrumentenbauer  sich in völliger Unbefangenheit and die Erfindung  der längstvorhandenen Aeoline machen konnten, ja, daß nich einmal die zuständige für den ganzen Statt maßgebende und sonst recht gut orientierte Prüfungskommission, und in ihr ein Mann wie Oberbergrat Schaffrinsky, der sich selbst mit der Sache angegeben hatte, von der Existenz irgendeines Freizungenwerk außer der russischen Flötenuhr etwas wußte!

Angesichts eines solchen Zeugnisse wird man das annehmen müssen, was Historiker  und Ethnologen nur ungern annehmen, nämlich die spontane, unabhängige  und gleichzeitige Erfindung an mehreren Stellen.
Zwischen den zahlreiche Versuchen mit freischwingenden Zungen, die Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts vorgenommen würden, scheint in der Tat nu ein bedingter Konnex zu bestehen: die durchschlagzunge hat, wie man sagt, „in er Luft gelegen.“

(*) Wie bekannt, besitzt unser Her de Wit eine selten schöne Flötenuhr des Hofuhrmachers Möllinger in Gestalt eines prächtigen Empire-Musikschrankes mit Marmorfigur. Das Kunstwerk stellt ein Andenken an die onvergeßliche Königin Luise dar, für welche diese Flötenuhr im Jaghre 1797 eigens von Möllinger angefertigt wurde. [ Die Redaktion]