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update: 28-11-2009

 

Doorslaande tongen 1

 

Doorslaande tongen 2

 

Prof. dr. Christian Ahrens

"Zur frühgeschichte der Instrumente mit Durchschlagzungen in Europa"
(see: doorslaande tongen 3):

Doorslaande tongen 3

 

Kratzenstein

 

Prof. dr. Curt Sachs

Zur Frühgeschichte der durschschlagende Zunge

 

 

Band 62

 

 

 

 

 

Het ontstaan van de Europese doorslaande tong

 

De doorslaande tong in het model dat we nu kennen als de "Europese doorslaande tong" werd in 1780 ontwikkeld door de Duits-Deense wetenschapper Christian Gottlieb (Theophil) Kratzenstein. Hij was in zijn studie op zoek naar een "machine" die klinkers kon nabootsen, maar het resultaat was meer dan dat. Door zijn onderzoek is de doorslaande tong als orgelregister ontstaan, waaruit vervolgens de toepassing is onststaan zoals we die kennen uit het harmonium en andere muziekinstrumenten met doorslaande tongen.

 

The free reed known to us as the 'European type' emerged from the study of the German-Danish scientist Christian Gottllieb (Theofil) Kratzenstein. In his study he tried to explain the vocal mechnism in the human body and researched to built a machine that could imitate the vowels. As a side effect his results became more than his goals. Through his study the free reed as an organ stop emerged. From here on the free reed became in use as we know it now: in harmonium and reed organ and other musical instruments based on free reeds.

 

 

 

This article was published in: Harmonium und Handharmonika Band 62 Michaelsteiner Konferenzberichte 2002 page 31-50.

In this edition of the article all 79 footnotes have been removed.
Scanning and converting to acrobat www.harmoniumnet.nl / Frans van der Grijn / november 2009.

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prof.dr. Christian Ahrens

Zur Frühgeschichte der Instrumente mit Durchschlagzungen in Europa

Die Einführung  des Prinzips der durchschlagenden Zunge im europäischen Musikin­strumentenbau wird zumeist damit in Verbindung gebracht, dass man Ende des 18 Jahrhunderts in Europa genauere Kenntnis erhielt von der in Ost- und Südostasien verbreiteten Mundorgel. Diese Ansicht vertritt beispielsweise Gretel Schwörer-Kohl im Artikel Mundorgel der neuen MGG. Dem steht entgegen, was Curt Sachs 1913 in einem . Aufsatz in der Zeitschrift für Instrumentenbau ausführte:

„Alle die zahlreichen Tonwerkzeuge vom Typus der durchschlagenden Zunge, die seit 1780 in Mittel-, Nord-, West- und Ost-Europa gebaut wurden, [...], waren im Jahre 1822 in Berlin [...] so gänzlich unbekannt daß Instrumenten­bauer sich in völliger Unbefangenheit an die Erfindung der Aeoline machen konnten, ja, daß nicht einmal die zuständige, für den ganzen Staat maßgebende und sonst recht gut orientierte Prüfungskommission [...] von der Existenz irgendeines Freizungenwerks außer der russischen Flötenuhr etwas wußte!
Angesichts eines solchen Zeugnisses wird man das annehmen müssen, was Historiker und.Ethnologen nur ungern annehmen, nämlich die spontane, unab­hängige und gleichzeitigeErfindung an verschiedenen Stellen. Zwischen den zahlreichen Versuchen mit freischwingenden Zungen, die Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts vorgenommen wurden, scheint in der Tat nur ein bedingter Konnex zu bestehen: die Durchschlagzunge hat, wie man sagt, ‚in der Luft gelegen’.“        .

Nachfolgend soll - soweit überhaupt noch möglich - anhand einer systematischen Aus­wertung der vorhanden Quellen versucht werden, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie der Prozess der Erfindung von Instrumenten mit Durchschlagzungen in Europa tatsächlich verlaufen ist.

* * *

Die Mundorgel war in Europa keineswegs erst seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt. Schon Marin Mersenne bildete in der 1636 erschienenen Harmonie Universelle ein südostasiatisches Modell (laotische khaen) ab (Abb.1). Diese befand sich damals im Raritäten-Kabinett des Kardinals Francesco Barberini und M. Mersenne hatte die Zeichnung erhalten auf Vermittlung von Giovanni Battista Doni in Rom, Sekretär des Kardinals Barberini. Mit G. B. Doni stand M. Mersenne in engem Briefkontakt, ihmver­dankte er zahlreiche Informationenüber Musikinstrumente.in Italien. Interessanter­weise waren M. Mersenne die Konstruktion und die akustische Wirkungsweise. des Instrumentes nicht ganz verständlich. Vor allem war er sich nicht im klaren darüber, ob die Grifflöcher die Tonhöhe bestimmten, was ihm angesichts der Wirkungsweise der durchschlagenden Zunge immerhin zweifelhaft erschien. So verwies er darauf, man könne das Instrument in dem genannten Kabinett sehen und genauer studieren, sofern man daran interessiert sei, diese Frage zu klären.
Zweifellos handelt es sich urn eine der frühesten Darstellungen und Beschreibun­gen der Mundorgel. Es scheint jedoch, als habe Michael Praetorius bereits 17 Jahre vor Mersenne ein Orgelregister mit Durchschlagzungen erwähnt, so dass die gängige These, jene Register seien überhaupt erst nach dem Bekanntwerden der Mundorgel in Europa entwickelt worden, infrage gestellt wird. Auf die entsprechende Bemerkung von M. Praetorius hatte erstmals Jakob Adlung in seiner 1768 posthum erschienenen Musi­ca Mechanica Organoedi aufmerksam gemacht und auf diese Quelle bezog sich [Christian] Friedrich [Gottlob] Wilke 1825 in einem Beitrag für die Allgemeine Musi­kalische Zeitung (AmZ). Die Mitteilung von Praetorius lautet im Original:

"Im Land zu Hessen ist in einem Kloster eine sonderliche Art von Posaunen fun­den worden / do vff das Mundstück ein Messing bödemchen vffgelötet / vnd in der mitten ein ziemlich lenglicht löchlein drinn / darüber dann allererst das rechte zünglein oder blätlein gelegt / vnd mit geglüeten Messings oder Stälenen Säitten druff gebunden wird / daß es nicht also sehr schnarren vnd plarren kan. Vnd weil es dergestalt etwas mehr als sonsten gedempffet wird / gibt es gleich einer Posaunen / wenn die von einem guten Meister recht intonirt vnd geblasen wird / einen pompenden / dumpichten / vnd nicht schnarrenden Resonantz.
Doch müssen sie gleichwol mit vff und niederziehung des obersten Corporis gestimmet werden / vnd dar bleiben / Regalia mobilia: [...] "

Sicher, die Formulierungen sind nicht so eindeutig, dass sie als zweifelsfreier Beweis für die Existenz von Durchschlagzungen gelten könnten. Aber immerhin liegt die Annahme nahe, es habe sich um eine solche Zunge gehandelt, wie schon F. Wilke 1825 bemerk­te. Zum einen hätte der Autor die gewöhnliche Aufschlagzunge kaum so detailliert beschreiben müssen, denn sie wàr zum damaligen Zeitpunkt hinreichend bekannt. Zum anderen stimmt die mehrfache Beteuerung, der Klang dieses Registers sei wegen der Besonderheit der Zungen nicht schnarrend und plärrend sondern vielmehr besonders gedämpft gewesen, mit jenen Urteilen überein, die zahlreiche Autoren des 19. Jahrhun­derts über Orgelregister mit Durchschlagzungen abgaben. Und schließlich zeigen die Angaben über die Art und Weise, nach der die einzelnen Teile gefertigt und zusammen­gesetzt werden, eine auffallende Identität, die bis in die Wortwahl reicht, mit der ent­sprechenden Beschreibung bei Töpfer/Allihn. Im weiteren Verlauf der Darstellung soll
jedoch zunächst von der Annahme ausgegangen werden, dass es sichbei der von Praetorius beschriebenen nicht um eine Durchschlagzunge gehandelt hat.

In ihrem bereits zitierten Artikel Mundorgel hat Gretel Schwörer-Kohl darauf auf­merksam gemacht, dass Filippe Bonanni und Franciscus Blanchini in ihren 1723 bzw. 1742 publizierten instrumentenkundlichen Werken Mundorgeln - und zwar den Typus der chinesischen sheng - abbildeten. Sieht man sich freilich die Bilder an und prüft die Erläuterungen im Text, so stellt man fest, dass beide Autoren offenkundig weder eine sheng in natura zu Gesicht bekommen haben, noch der Besonderhei­ten dieses Instrumentes bewusst waren. F. Bonanni wies zwar darauf hin, dass es sich bei den Pfeifen um "canne" - also Rohrblattinstrumente - handle, doch erfährt der Leser nichts darüber, welche Art von Zungen verwendet werden. Die Abbildung 2 zeigt ein Instrument, das der äußeren Gestaltung nach durchaus einer sheng entspricht, indessen sind unzweifelhaft labiale Orgelpfeifen dargestellt, von denen jede einzelne mit einem deutlich erkennbaren Aufschnitt versehen ist. Offenkundig hat der Stecher die Bezeichnung ,Mundorgel’ allzu wörtlich genommen, denn die Form der Pfeifenfüße entspricht genau der bei Orgelpfeifen üblichen. Immerhin hatte Bonanni erfahren, dass die Pfeifen der Mundorgel (als deren Benennung gibt er „Tam Kim“ an) mit Löchern versehen waren, doch nahm er an, sie dienten, wie bei anderen Blasinstrumenten auch, der Tonhöhenveränderung.

Franciscus Blanchini  behauptete, eine Mundorgel (er bezeichnet sie als "polyaulos", d. h. wörtlich "Vielaulos") sei im Jahre 1685 von einem Chinesen namens "Cinfochum", den Pater Philip­pus Fouquet nach Europa gebracht habe, in Rom bekannt gemacht worden.
Das oben genannte Instrument im Kabinett des Kardinals Barberini erwähnte er nicht. Aber auch die von ihm mitge­teilte Abbildung (Abb. 3) beweist, dass der Autor (bzw. der Stecher) lediglich in groben Zügen über die Konstruktions-prinzipien der sheng orientiert war, nicht aber über deren bautechni­sche und akustische Besonderheiten.

Jene beiden Publikationen belegen, dass die Kenntnis der ostasiatischen Mundorgel selbst in Italien, wo ja augenscheinlich mindestens ein entsprechendes Instrument seinerzeit zu sehen war, sowie in Frankreich und auch in Dänemark  bis zum Ende des 18. ]ahrhunderts sehr begrenzt war: Die Mundorgel blieb ein exotisches Instru­ment, ein Kuriosum, ohne Nutzen für die europäische Musik.

Eine ausführliche Beschreibung der chinesischen sheng veröffentlichte 1789 Jean-Joseph-Marie Amiot (Abb. 4), der als Missionar in China gewirkt hatte und erstmals einen umfassenden Bericht über die Musiktheorie und die musikali­sche Praxis in China gab. Ausdrücklich wies der Autor auf die Wirkungsweise der Durchschlagzungen hin, die seiner-zeit aus einem sehr dünnen Gold-plättchen bestanden. Als Maß für die Länge der Öffnung, auf die die Platte mit der Zunge aufgesetzt wurde, gab der Autor 5-6 lignes (11,3-13,6 mm), als Breite 3-4 lignes (6,8-9,0 mm) an. Die Zunge maß  ca. 7-9 mm in der Länge, was ungefähr 2/3 des ent­sprechenden Wertes des Rahmens entsprach.
Nur ein Jahr später, 1780, publizierte La Borde seinen Essai de la musique ancienne et moderne, in dessen erstem Band er die sheng beschrieb und abbildete.  Obschon sich La Borde erkennbar am Buch von Amiot orientierte und den Text, allerdings stark gekürzt, sowie eine Abbildung nahezu unverändert übernahm, lassen seine Ausführungen erkennen, dass er die Funktionsweise der Durchschlagzunge überhaupt nicht erkannte. Ja, seine For­mulierungen legen sogar den Schluss nahe, dass er nicht einmal wusste, wie der Ton der sheng zustande kam: Offenkundig glaubte er, dieser entstehe in der Kalebasse. Man wird diesen Sachverhalt sicher als weiteres Indiz dafür werten müssen, dass die Durchschlag­zunge damals in Frankreich weithin unbekannt war: Dies gilt offenbar gleichermaßen für die Ausführungen von Marin Mersenne, andernfalls hätten Amiot bzw. La Borde oder die Autoren der Encyclopédie Méthodique auf die technischen und akustischen Überein­stimmungen zwischen den beiden Mundorgelmodellen ganz sicher aufmerksam gemacht.

Keine Beschreibung der Mundorgel, wohl aber ihre indirekte Erwähnung findet sich in einem ausführlichen Bericht von Jacob von Stählin über die Musik in Russland, den Johann Adam Hiller 1770 in seiner Zeitschrift Musikalische Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend  abdruckte. Dieser Bericht darf als Beleg dafür gelten, dass man sich zu jener Zeit in Russland mit verschiedenen ostasia­tischen Musikinstrumenten, auch mit der Mundorgel, beschäftigte. Es heißt dort über den aus Bayern stammenden Musiker und Instrumentenmacher Johann Wilde, er habe verschiedene neue Instrumente erfunden oder bereits bekannte verbessert. Darunter befand sich offenkundig eine Querflöte mit Mirliton nach dem Vorbild der chinesischen di (hengdi). Am Schluss seiner Ausführungen berichtete der Autor folgendes:

"Sonst hat dieser sinnreiche Künstler auch durch eigenes Nachsinnen gelernt, die liebliche Chineser Orgel zu spielen, und sowohl Arien als Menuetten, und andere kleine Stücke in voller Harmonie darauf heraus gebracht. Dieses ganz Chinesische Instrument besteht aus 16 bis 18 auf der Fläche eines abgekürzten Kegels, wie Orgel-pfeifen, in die Runde gesteckten Schilfröhren, wie starke Strohhalme, deren jede mit einem Griffloch versehen ist, so mit den Fingern beyder Hände, die diese Röhren umfassen,bald geschlossen, bald offen gelas­sen wird. Am Boden oder abgekürzten Kegel, dessen Hohlung die Windlade aus­macht, von der die eingeblasene Lufft in alle Röhren vertheilt wird, und sie
zusammen lautbar macht, ragt ein elfenbeinerner Zapfe als ein Mundstück hervor. Durch dasselbe bläßt man die Lufft ein, oder zieht sie an sich, nachdem man den Schall stärker oder schwächer, forte oder piano, haben will.

Ganz offenkundig hatte J. v. Stählin eine Mundorgel gesehen. Zwar ging er nicht auf die technische Besonderheit der Durchschlagzunge ein, wohl aber auf die ungewöhnliche Möglichkeit, dieses Instrument durch Anblasen oder Ansaugen der Luft zum Klingen zu bringen. Hier scheint im übrigen zum ersten Mal eine Ansicht vertreten, die mehr als 130 Jahre später die Diskussion um die Eigenheiten von Harmoniums nach dem Saug­wind- bzw. Druckwindsystem bestimmen sollte: die Ansicht nämlich, dass die Art der Winderzeugung mittels Druck- oder Saugwind die Lautstärke beeinflusse. Jedenfalls suggerierte der Autor durch seine Formulierung, beim Einblasen der Luft in die Mund­orgel sei der Ton stärker, beim Einsaugen hingegen schwächer.

Dem Bericht J. v. Stählins lässt sich überdies entnehmen, dass entweder die sheng in Russland inzwischen nachgebaut worden war, oder dass sich mehrere Originalin­strumente in Umlauf befanden. Jedenfalls kann es sich bei dem Instrument, dessen Spiel J. Wilde dem Bericht zufolge ja im Laufe eines nicht genau bestimmbaren Zeit­raumes erlernte, nicht um jene sheng gehandelt haben, die J. M. Amiot 1777 von China nach Paris schickte und die ihren Weg über Russland genommen haben sol1.

1821 veröffentlichte der renommierte Akustiker Ernst Florens Friedrich Chladni einen ausführlichen Bericht über die sheng, und zwar auf der Basis eines Instrumen­tes, das er selbst beim damaligen Organisten der Leipziger Nicolaikirche, Mü11er, in Augenschein hatte nehmen können. In einem Artikel in der Allgemeinen musikali­schen Zeitung (AmZ) beschrieb er u. a. die aus Messingblech gefertigten Zungen, ohne allerdings auf die inzwischen ja existierenden Parallelen zu den neu erfundenen europäischen Instrumenten einzugehen. Die Formulierungen in dem Bericht lassen. keinen Zweifel daran, dass der Autor davon ausging, dass das von ihm beschriebene Instrument seinen Lesern in Deutschland weitgehend unbekannt war; das gilt in besonderem Maße für das Prinzip der durchschlagenden Zunge. Auch der Nachtrag von Perne zu einem 1821 in der AmZ erschienenen Bericht über die Orgue expressif des Gabriel Joseph Grenié zeigt, dass die Redaktion nicht davon ausging, dass alle Leser mit dem Prinzip der Durchschlagzunge vertraut und die Mundorgel sheng allgemein bekannt seien.

Warum ausgerechnet St. Peters burg zum Zentrum der Beschäftigung mit Durch­schlagzungen und entsprechenden Experimenten zur Herstellung dieser Instrumente wurde und warum Abt Vogler dort sein Orchestrion vorstellte, lässt sich heute nicht sagen. Sicher ist jedenfalls, dass man sich in der russischen Kapitale bereits lange zuvor mit mechanischen Musikinstrumenten beschäftigt hatte, und dass derartige Apparate dort offenbar großes Interesse fanden. In seinem Bericht über die Musik in Russland von 1770 berichtete J. v. Stählin u. a. auch, dass ein „Master Winraw aus London [...], ein von ihm erfundenesund verfertigtes Uhr- und Orgelwerk nach Petersburg [brach­te]“.  Es handelte sich um die Kombination von Uhrwerk und Orgel, wobei letztere sowohl mechanisch als auch manuell gespielt werden konnte; das Orchestrion verfüg­te über ein Manual und ein Pedal sowie offenbar 12 Register. Wenn auch in diesem konkreten Falle keine Informationen darüber vorliegen, ob das fragliche Orgelwerk mit durchschlagenden Zungenstimmen versehen war, so gibt es Anhaltspunkte dafür, dass schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die sheng in Russland bekannt war und dass nach ihrem Vorbild Zungenstimmen, namentlich für mechanische Musikwer­ke, Flötenuhren etc., entwickelt wurden.

Ohne Zweifel gebührt dem Philosophen und Mediziner Christian Gottlieb (Theo­phil) Kratzenstein (geb. 1723 in Wernigerode, gest. nach 1795 in Kopenhagen das Verdienst, als erster funktionstüchtige Orgelregister mit Durchschlagzungen konstru­iert oder jedenfalls genutzt zu haben. Die wenigen Nachrichten, die sich über ihn fin­den, stimmen darin überein, dass er 1779/80 eine Maschine baute oder bauen ließ, die die menschliche Sprache nachahmte. In der Biographie Universelle des Musiciens et Bibliographie Générale de la Musique von François-Joseph Fétis findet sich unter dem Namen Kratzenstein folgender Eintrag:

„Christian-Theophil Kratzenstein, Doktor der Philosophie und Medizin; Prof. der Medizinischen Fakultät der Universität Kopenhagen; ist geboren in Wernige­rode 1723. Er gilt als Erfinder einer bewundernswerten Maschine, die die fünf Konsonanten musikalisch wiedergeben kann.
Die Akademie der Wissenschaften von Petersburg hat dem Hersteller der Maschine einen Preis zuerkannt. Kratzenstein hat in den Observations de phy­sique von Rozier (1782, supplément, p. 358) einen Essai über die Bildung der vokale publiziert, der einige kuriose Beobachtungen enthält.“

Man ging bisher davon aus, dass C. G. Kratzenstein die Mundorgel während seines Auf­enthaltes in St. Petersburg kennengelernt habe oder aber, dass er ein solches Instru­ment in Augenschein nehmen konnte, das von Russland nach Kopenhagen geschickt worden sei. Mette Müller wies jedoch darauf hin, dass der Mediziner bereits 1753 (nach anderen Quellen: 1755) St. Petersburg verließ und nicht mehr dorthin zurück­kehrte. Ihrer Meinung nach sei es durchaus denkbar, dass er die laotische Mundorgel der Kopenhagener Kunstkammer kannte. Augenscheinlich aber nutzte C. G. Kratzen­stein die durchschlagenden Zungen nicht eigentlich fiir musikalische Zwecke, sondern begnügte sich damit, Sprachlaute zu imitieren.

Wann genau dieses Prinzip der Zunge erstmals im europäischen Instrumentenbau angewendet wurde, lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit sagen, zumal verschiedene Personen diese Erfindung fiir sich reklamierten und zudem den einschlägigen Beschreibungen oft nur vage Andeutungen zu entnehmen sind. So erschien beispielswei­se 1803 in der AmZ ein Bericht über ein "kleines transportables Orgelwerk", das Georg Christian Knecht gemeinsam mit dem Orgel- und Instrumentenmacher Hagemann zu Tübingen gebaut hatte und das er "Mikropan" nannte. Es handelte sich um eine trans­portable Orgel von ca. 2,1 m Höhe und rund 1 m Breite, deren Stimmen jeweils in Bass und Diskant geteilt waren. Neben labialen waren offenkundig auch linguale Register vor­handen, Bassethorn 6' im Bass und Klarinetto 2' im Diskant. Da der Autor der Nachricht u. a. einen "Tritt zum Windschweller" sowie einen "Tritt zum Crescendoschweller" anführte, ,,[...] vermittelst dessen man den Ton vom Pianissimo bis zum Fortissimo, ohne dass derselbe höher wird, treiben kann [...]" und zugleich als Innovationausdrücklich hervorhob, ,,[...] Dieser Mikropan eignet sich ganz zum schönen, sangbaren und aus­drucksvollen Spiele [...]", scheint die Annahme berechtigt, dass es sich hier um zwei Register mit Durchschlagzungen gehandelt habe. Denn in seinem 1823 erschienenen Bericht in der AmZ bestätigte Friedrich Wilke, dass die zahlreichen Versuche, Labialstim­men mit einem Windschweller zu versehen, kläglich gescheitert waren. Es heißt dört in Bezug auf den Abt Vogler und das von ihm propagierte Prinzip des Windschwellers:

"So entstand denn nun freylich ein Decrescendo, ein p und pp, aber -leider ein solches, das kaum anzuhören war. Es waren Töne, gleich dem Stöhnen mehrerer Sterbenden, denen aber Kraft und Luft gebricht, ihre Quaallaut werden zu lassen. Wenn der geheime Rath Abt Vogler sich dieses Zuges an seinem Orchestrion bediente, so konnte er ihn nur zu Rohrwerken mit durchschlagenden Zungen benutzen. "

Daß nicht nur das Voglersche Orchestrion in der Tat zumindest über einige Regi­ster mit durchschlagenden Zungen verfügte, sondem dass auch andere Modelle mit derartigen Rohrwerken ausgestattet waren, ist in hohem Maße wahrscheinlich. Mit Sicherheit wissen wir dies vom "Panharmonicon", das Johann Nepomuk Mälzel um 1800 baute und in zahlreichen Konzertreisen einem begeisterten Publikum vorführte. Eines der wenigen Modelle, das die Zeiten überdauerte, ehe es im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, hatte vier derartige Register.

Im Jahre 1811 reklamierte ein gewisser Strohmann aus Frankenhausen, er habe ein Jahr zuvor den Auftrag erhalten, ,,[...] ein Instrument zu bauen, welches, durch Maschinerie in Bewegung gesetzt, vermittelst Walzen mit verschiedenen Musikstücken besetzt, eine kleine Orchestermusik liefern sollte. Die vorzustellenden Instrumente sollten Blasinstrumente, und zwar Flöte, Klarinette, Oboe, Fagot und Horn seyn. [...]". Obschon er sich bei seinen Versuchen "am menschlichen Stimmorgan" orientiert, hatte er Register mit durchschlagenden Zungen gebaut. Interessanter Weise empfahl er, die Zungen bei hohen Tönen aufzulöten, bei tiefen aber aufzuschrauben. Kurze Zeit spä­ter erklärte der Orgelbauer Uhte, er habe bereits 1803 nach Abbé Voglers Angaben ein 32' -Register gebaut, ein ebensolches Register in 4' -Lage befinde sich in der Orgel einer Katholischen Kirche in Berlin. In der 1803-07 von Buchholz erbauten Orgel der Kir­che zu Neuruppin soll erstmals aufVeranlassung des Abbé Vogler ein Posaunenbass mit Durchschlagzungen disponiert worden sein.

Weiteren Berichten in der AmZ ist zu entnehmen, dass um 1810 mehrere Instru­mentenbauer durchschlagende Zungen für ganz unterschiedliche Zwecke nutzten. So hatte Leopold Sauer, prag (später KasseI), ein Pedal-Fortepiano mit einem Orgelteil konstruiert und Friedrich Kaufmann in Dresden sein-Chordaulodion entwickelt und dieses Instrument 1817 Grenié in Paris vorgeführt. E. F. F. Chladni berichtete 1826 von einem gewissen Mieg, der in Madrid ein direkt geblasenes Instrument mit Durch­schlagzungen und einer Tastatur von 3 Oktaven Umfang erfunden habe. Spätestens seit ca. 1820 müssen entsprechende Orgelregister in großer Zahl gebaut worden sein, von den verschiedenen Harmonika- und Harmoniuminstrumenten ganz zu schweigen.

Dass einige Erfinder erklärten, die Stimmbänder des Menschen hätten die Anregung zur Entwicklung von Instrumenten mit durchschlagenden Zungen gegeben, mag zunächst verwundern. Aber selbst der Fachmann C. G. Kratzenstein war dem Irrtum erlegen, die Stimmbänder funktionierten nach diesem Prinzip, daher kann es nicht überraschen, wenn medizinische Laien derselben Ansicht waren. Ob C. G. Kratzenstein zu dieser Mei­nung aufgrund seiner Kenntnis der Mundorgel kam, wie M. Müller vermutet, bleibt aller­dings offen. Aber auch die Maultrommel diente nach Angaben einiger Erfinder als Vor­bild für Instrumente mit durchsch1agenden Zungen. So berichtete der Instrumentenbau­er Gleichmann 1820 über die Aeoline bzw. das Aeolodicon und erklärte, der Erfinder die­ses Instrumentes, der „königl. Bayer. Rentamtmann Eschenbach zu Königshoven im Grab­feld“, habe sich von der Maultrommel dazu anregen lassen, ein Instrument zu entwerfen, in dem eine größere Zahl nach dem Vorbild der Maultrommel geformter Zungen mittels eines Balges zum Schwingen gebracht wurden. In dem Bericht heißt es dazu:

„In Erwägung, dass die fest eingespannte Zunge dieses Instrumentes [der Maul­trommel] einen stets gleichen, unverstimmbaren Ton von sich gebe, [...]; glaubte er, dass mehrere auf ähnliche Art eingespannte, grosse und kleine stählerne Zungen, durch Blasebälge zur Ansprache gebracht, einen stets glei­chen Ton geben, und sich in gebräuchlichen Tonverhältnissen stimmen lassen müssten. [...] Mit Hülfe des dortigen geschickten Instrumentenmachers, Hrn Schlimmbach, wurde nun das erste Instrument dieser Art zu Stande gebracht, welches der Erfinder, wie er sagte, nach Anleitung des Wortes Violine, Aeoline nannte.“

Überdies gibt es noch aus den 1830er Jahren einen Beleg dafür, dass die Begriffe ,Maultrommel’ und ‚Mundharmonika’ synonym verwendet wurden, unbeschadet der bautechnischen Unterschiede jener Instrumente sowie der Tatsache, dass sie auf unterschiedliche Weise zum Klingen gebracht werden. Im Musicalischen Conversations Lexicon von A. Gathy findet sich folgender Eintrag:

„Mundharmonika, Aura, 1) eine vervollkommnete Maultrommel mit mehrere [sic!] Zungen; 2) ein kleines Instrument, enthaltend 4-10 gestimmte Zungen, welche durch den eingezogenen oder ausströmenden Athem zum Tönen gebracht werden. Erfindung H. Scheibler's.“

Wie gezeigt, reklamierten nach 1800 verschiedene Instrumentenbauer die Erfindung für sich, keiner aber behauptete, diese vor 1800 getätigt zu haben. Einige Autoren verwiesen immerhin auf den Abbé Vogler, der bereits Ende der 1780er Jahre mit entsprechenden Orgelpfeifen experimentiert habe, und auch Vogler selbst hatte 1801 eine Darstellung jener Entwicklung gegeben. Im Jahre 1823 veröffentlichte Friedrich Kaufmann einen umfangreichen Aufsatz, in dem er eine relativ detaillierte Chronologie erstellte. Seine Angaben, in denen er sich ausdrücklich auf schriftliche Mitteilungen des "Instrumentenmacher und Orgelbauer" [Georg] Christoffer Rackwitz aus dem Jahre 1822 berief, werden im wesentlichen von Leopold Sauer - einem beruflichen Konkurrenten immerhin - bestätigt und stimmen überdies mit den Ausführungen des AbbéVogler überein, so dass kaum Anlass zu begründeten Zweifeln besteht. Danach vollzog sich die Entwicklung folgendermaßen:

1779/80 konstruierte C. G. Kratzenstein in Kopenhagen eine Sprechmaschine mit Durchschlagzungen, angeblich nach dem Vorbild einer chinesischen sheng, die nach Kopenhagen gekommen war. Er erhielt dafür 1780 den Preis der Peters burger Akademie der Wissenschaften. Um 1780 machte der Orgelbauer Franz Kirschnick [Kirsnick] (ca. 1741-ca. 1802) „die ersten sehr mühevollen Versuche, die Pfeifen der Kratzensteinschen Sprachmaschine zu Orgelpfeifen umzuschaffen und Krücken zur Stimmung derselben anzubringen.“ Es war offenbar sein Verdienst, „diese Rohrwerkgattung [...] für die Orgel hinlänglich brauchbar gemacht zu haben.“ Noch vor 1788 - Karl Emil v. Schafhäutl zufolge bereits 1780 - hatte er entsprechende Pfeifen in ein Orchestrion eingesetzt, das Abbé Vogler bei einem Besuch in St. Petersburg im selben Jahr kennenlernte. 1790 bat Vogler den Orgel- und Cembalobauer Georg Christoffer Rackwitz (1760-1844) aus Stockholm, der als Mitarbeiter von F. Kirschnick an der Konstruktion des ersten Orchestrions beteiligt war und 1788-1790 in St. Petersburg gearbeitet hatte, ihm beim Bau eines eigenen Modells behilflich zu sein. 1790/91 haben Vogler und G. C. Rackwitz dieses Instrument in Rotterdam,fertiggestellt und sollen es anschließend auf einer Reise durch verschiedene Länder vorgeführt haben. Wie K. E. v. Schafhäutl berichtet, sollen beide ein Register mit Durchschlagzungen in die Orgel einer Rotterdamer Kirche eingebaut haben (allerdings datiert der Autor die ganze Reise und auch diesen Bau auf das Jahr 1792). In der Nähe von Frankfurt/Main baute G. C. Rackwitz ein entsprechendes Register in die Orgel eines Karmeliterklosters ein, es dürfte sich dabei un das erste derartige Register in Deutschland gehandelt haben - sofern man die beschreibung von M. Praetorius nicht als Beweis für die Existenz der Durchschlagzunge gelten lässt. In Stockholm fertigte G. C. Rackwitz dann das "Organochordion", ein Fortepiano mit mehreren Orgelregistern, darunter eines mit Durchschlagzungen, das „mit einem Schweller für das Rohrwerk“ versehen war. Darüber hinaus scheint er entsprechende Register in mehrere Orgeln schwedischer Kirchen eingesetzt zu haben. 1792 entwickelte der Orgelbauer Schwan nach diesem Vorbild ein solches Register für die Orgel der St.Nicolai-Kirche zu Stockholm und disponierte es auf einem eigenen Manual, womit er die Grundlage schuf für die spätere Praxis des eigenständigen „Zungenklaviers“, das nur jeweils ein Physharmonika-Register enthielt. In der Folgezeit übernahmen weitere Orgel- und Instrumentenmacher das Prinzip und statteten Kirchenorgeln und Kombinationsinstrumente mit solchen Registern aus (z. B. Leopold Sauer, Prag, 1801; Buchholz, Berlin, 1803; Ignaz Kober, Wien, 1805), andere nutzten es weiterhin fur mechanische Musikinstrumente (z.B. Nepomuk Mälzel, Wien, fur sein "Panharmonikon", um 1800).

Die Datierung der ersten Versuche mit Durchschlagzungen auf das Jahrzehnt 1780/90 wird noch durch eine weitere Quelle bestätigt.' In seinem Buch L'Orgue expressif ou Harmonium von 1903 zitierte Adolphe Alphonse Mustel eine Passage aus dem Patentantrag von GabrielJoseph Grenié (l756-1837), den dieser am 23. Juni 1803 fur seine Orgue expressif einreichte. Darin berief sich G. J. Grenié auf eine Passage in Dom Bedos' L'Art dufacteur d'orgues, der er zu entnehmen glaubte, dass das Prinzip der Durchschlagzunge bereits Jahrhunderte zuvor in Frankreich bekannt gewesen sei. Es handelte sich um ein vollkommenes Missverständnis, als dessen Ursache sich Unkenntnis mit den technischen Gegebenheiten eines veralteten Instrumentes festmachen lässt. Dom Bedos sprach nämlich von der Zunge des Chalumeau, die auf grund der besonderen Anblastechnik im sog. Windkapselansatz „frei in der Mundhöhle“ schwinge; machte aber in den Erläuterungen der entsprechenden Abbildungen eindeutig klar, dass es sich um eine Gegenschlagzunge handle. G. J. Grenié war nicht nur die spezielle Anblasvorrichtung des Chalumeau unbekannt, er hatte auch keine Vorstellung vom Klang dieses Instrumentes, glaubte er doch, es habe zart und weich geklungen, während es sich in Wahrheit um ein der Schalmei verwandtes Doppelrohrblattinstrument mit scharfem, lautem Ton handelte.

Bei der Diskussion dieser Aussagen G. J. Greniés und der Frage, ob Dom Bedos tatsächlich die Durchschlagzunge beschrieben habe, wurde eine andere Passage übersehen, in der sich eine relativ klare Information zur Chronologie der Orgelpfeifen mit Durchschlagzungen findet. G. J. Grenié berichtete, er habe sich an verschiedene Orgelbauer in Frankreich gewandt, die ihm ausnahmslos versichert hätten, das Prinzip der Durchschlagzunge sei ihnen unbekannt und sie hätten noch nie ein derartiges Register gebaut. Schließlich aber habe er bei einem Freund eine alte Orgel erfunden, die ca. 30 Jahre [also um 1780] zuvor beiseite geräumt worden sei und unbenutzt gestanden habe. Die Orgel habe 2 Oktaven eines Registers mit Durchschlagzungen besessen.
G. J. Greniés Mitteilung ist aus zwei Gründen interessant. Zum einen geht der gelegentlich erhobene Vorwurf, der Erfinder der Orgue expressif habe die Idee .der Durchschlagzunge von Johann Nepomuk Mälzel, Wien, Friedrich Kaufmann, Dresden,oder von .einem anderen Deutschen gleichsam ‚gestohlen’, offenkundig ins Leere. Denn G.J. Grenié orientierte sich an einem älteren Orgelregister mit Durchschlagzungen und nahm dieses zum Vorbild. Freilich bleibt die Frage offen, um was für eine Orgel es sich dabei eigentlich gehandelt habe. Es scheint nicht völlig undenkbar, dass das fragliche Instrument, das G, J. Grenié den Anstoß zur Konstruktion seiner. Orgue Expressif gab, von einem Deutschen oder von C. G. Kratzenstein bzw. G. C. Rackwitz stammte; französische Orgelbauer beschäftigten sich nach dem Zeugnis G. J. Greniés seinerzeit nicht mit diesem Zungentypus. Zum anderen aber wurde diese Orgel in den 1780er Jahren gebaut, es dürfte sich damit um eines der frühesten Exemplare dieses Typus gehandelt haben.

Was lässt sich dieser Chronologie nun an gesicherten Informationen entnehmen? Geht man davon aus, dass,die zitierte Passage bei M. Praetorius nicht als frühester Beleg für ein Orgelregister mit Durchschlagzungen anzusehen sei, so ergibt sich folgendes Bild.

  1. Die erstenMundorgeln gelangten im 17, Jahrhundert in europäische Kunstsamm­lungen (Rom und Kopenhagen) und stammten aus Laos (khaen). In der einschlä­gigen Literatur wird aber immer wieder auf die chinesische sheng als Vorbild für die entsprechenden neuen Instrumente hingewiesen. Eine sheng scheint erstmals in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nachEuropa gekommen zu sein, so dass der Ein­druck entstehen kQnnte, von diesem Mundorgel-Typus sei der entscheidende Impuls zur Konstruktion n_uer Instrumente ausgegangen.
  2. C. G. Kratzenstein hat als erster Durchschlagzungen im europäischen Raum genutzt, doch verfolgte er anscheinend keine direkten musikalischen Ziele. Entscheidenden Anteil an der Entwicklung funktionstüchtiger - d. h. nicht zuletzt stimmbarer Orgelregister mit Durchschlagzungen hatten der schwedische Orgel- und Cembalo-bauer G. C. Rackwitz sowie sein Gehilfe Franz Kirschnick. Die Propagierung der Vorteile jener Register und deren musikalische Verwendung ist offenkundig das Verdienst des so oft gescholtenen Abbé Vogler.
  3. Die frühesten Versuche mit durchschlagenden Zungen fanden offenbar in Kopenhagen statt, die ersten Zentren für den Bau von Orgelregistern mit jenem Zungentypus waren Stockholm und St. Petersburg. Da in Russland der Bau von Kirchenorgeln aus naheliegenden Gründen keine Rolle spielte, konzentrierte sich dort die Fertigung auf Orchestrions.
  4. Nachhaltiger Erfolg war den Experimenten mit Orgel-Registern, die mit Durchschlagzungen versehen waren, vor allem im deutschsprachigen Raum beschieden. Von hier nahmen die wichtigsten Erfindungen neuer Instrumente mit diesem Zungentypus zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang.

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Bemerkenswerter Weise sprach keiner der zuvor genannten Autoren die Tatsache an, dass die Zungen der ostasiatischen Mundorgel so beschaffen waren, dass man sie durch Einblasen wie durch Ansaugen der Luft zum Klingen bringen konnte. Bei ihnen wurde nämlich die Lamelle gleichsam in den Rahmen hineingeschnitten, d. h. beide bildeten ein Teil, die Zunge lag zwangsläufig mit dem Rahmen in einer Ebene. Und ebenso merkwürdig mutet an, dass nirgends derjenige europäische Instrumentenbauer benannt wird, der die Durchschlagzungen umkonstruierte und eine separate Lamelle auf den Rahmen legte, so ,,[...] dass die untere Fläche des schwingenden Teiles der Zunge über die obere Fläche des Zungenrahmens ein wenig erhoben ist. [...] " Damit gab er nicht nur diesem Zungentypus jene Form, die für den europäischen Instrumentenbau hinfort maßgeblich wurde, sondern erreichte zudem, dass die" [...] Luftströmung nur auf die Außenfläche der Zunge [...] " einwirken, d. h. diese nur in einer Richtung des Windstromes ansprechen konnte. Überdies aber wurden durch jene Konstruktion die Probleme im Hinblick auf die Ansprache, die sich aus der besonderen physikalischen Wirkungsweise der Durchschlagzunge  ergeben, vermieden. Erst in jüngster Zeit konnte der Nachweis dafür erbracht werden, dass die konstruktionstechnischen Veränderungen die Vibration der Zunge maßgeblich beeinflussen und insofern auch klangliche Auswirkungen haben.

Die zuvor als ,europäisch’ charakterisierte Formgebung scheint bereits die Zunge, die M. Praetorius 1619 beschrieb, gehabt zu haben. Gingen die Instrumentenbauer des ausgehenden 18. und des frühen 19. Jahrhunderts deswegen auf diesen bautechnisch wie akustisch gleichermaßen bedeutsamen Entwicklungsschritt nicht ein, weil er bereits mehr als 150 Jahre früher erfolgte und sich nicht mehr rekonstruieren ließ, wem er zuzuschreiben war? Sollte die Entdeckung der Durchschlagzunge tatsächlich bereits um 1600 erfolgt sein, so könnte dies eine Erklärung dafür bieten, dass man Orgelregister mit jenem Zungentypus entwickelte, lange bevor die ersten wirklich neuen Instrumente mit Durchschlagzungen entstanden. Durch die Verlagerung der Lamellenebene war eine wahlweise Anregung einer solchen Zunge durch Saug- oder Druckwind nicht mehr möglich. Man konnte sich daher auf die Nutzung als Ersatz für die gebräuchlichen Zungenstimmell der Orgel und damit die alleinige Verwendung des Druckwindsystems beschränken. In Orgeln und Orchestrions wurden jedenfalls die akustischen Eigenheiten dieser Zungen erprobt und das technische Knowhow zur Herstellung und Stimmung entwickelt. Mithin nutzte man zunächst die spezifischen Möglichkeiten der durchschlagenden Zunge, mit Druck- oder Saugwind betrieben zu werden, nicht; rund 40 Jahre lang spielte die eigentliche technische Innovation dieses Zungentypus überhaupt keine Rolle. Erst urn 1820 kam man zudem auf die Idee, die Aufsätze wegzulassen und die Zungen auf engstem Raum nebeneinander anzuordnen. Dadurch wurde es möglich, kleine, tragbare Instrumente herzustellen, bei denen sich überdies wahlweise Druck- oder Saugwind zur Tonerzeugung nutzen lieBen. Lässt sich eine Abhängigkeit der Orgelregister mit durchschlagenden Zungen von ostasiatischen Vorbildern beim gegenwärtigen Kenntnisstand nicht völlig ausschließen - sollte es purer Zufall sein, dass man diese Instrumente ,Mundorgeln' nannte und gelegentlich entsprechend darstellte? -, so ist die Umformung dieses Zungentypus und seine Nutzung für die Harmonium- und Harmonika-Instrumente ohne Zweifel eine eigenständige Leistung des europäischen Instrumentenbaus. Letztlich erfolgte die Konstruktion dieser Instrumentengruppe unabhängig von der Mundorgel. Das macht nicht nur die von C. Sachs angesprochenen jahrelangen Auseinandersetzungen um den Primat dieser Erfindung verständlich, sondern auch, warum die betreffenden Instrumentenbauer sich jeweils auf ganz verschiedène Vorbilder für ihre Konstruktionen beriefen - und zwar offenkundig mit einiger Berechtigung. Darüber hinaus scheint es, als seien die Unterschiede zwischen der asiatischen und der europäischen Durchschlagzunge größer, als bisher angenommen und als beschränkten sich die Gemeinsamkeiten auf die bloße Übereinstimmung des Schwingungsprinzips. Ob die Entwicklung jenes Zungentypus in Europa tatsächlich unmittelbar durch die Kenntnis einschlägiger asiatischer Instrumente beeinflusst worden ist, erscheint unter diesem Gesichtspunkt mehr als fraglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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